Zwei Gesichter hat die Zeit

Der Planetengott Saturn wird nach klassischer Manier des Mittelalters den Zeichen Steinbock und Wassermann zugeordnet. Die Entdeckung des Planeten Uranus zur Zeit der Französischen Revolution durch den kauzigen Militärmusiker Herschel aus Hannover, der nach England auswanderte und dort in seinem Vorgarten ein riesiges selbstgebasteltes Fernrohr errichtete, das jenes der Royal Astronomical Society zu deren Mißbehagen technisch um Längen schlug, diese Entdeckung also führte nun keineswegs – auch wenn heutige Astronomen dies immer wieder behaupten – zum Zusammenbruch des astrologischen Glaubensgebäudes.

Vielmehr erweiterte und verfeinerte man die Deutungskunst. Uranus wurde in zweiter Reihe, später dann alleinig dem unkonventionellen und experimentierfreudigen Wassermann zugeordnet, dort zum Zeichenherrscher erhoben. Dies soll nicht gegenständlich verstanden werden. Heutige Astrologen glauben nicht an irgendwelche Götter, die dort oben auf den Sternen sitzen und die armen Menschlein auf der Erde je nach Lust und Laune beglücken oder malträtieren. Das war auch nicht im Mittelalter so, auch nicht vor über 2.000 Jahren bei den Griechen und Römern. Und um was geht es denn dann eigentlich bei der Sternendeuterei?

Nun, zugrunde liegt die Idee einer Zusammengehörigkeit von Zeit und Raum. Die Menge, die Quantität der Zeit, läßt sich in Tagen, Stunden, Minuten, Litern und Metern messen: Astronomie. Und wie ist es mit der Art und Weise, der Qualität? Ein Körper kann groß oder klein, leicht oder schwer, dick oder dünn sein. Gilt das auch für die Zeit, und wenn ja, läßt sich dies an den täglichen und jährlichen Rhythmen ablesen, also an Sonne, Mond und Wandelsternen?

Astrologie, das wäre dann also die Qualität der Zeit – ein faszinierender Gedanke. Und vielleicht haben gerade deshalb in allen Ländern und in allen Kulturen der Welt Menschen geistige Systeme entwickelt, um Himmelsbewegungen und irdische Geschehnisse in einen Zusammenhang zu setzen.

Elektionshoroskop der Leucorea

Man sagt, Tiere hätten keine abstrakte Vorstellung von Zeit, daß dies ein wesentlicher Punkt sei, in dem wir uns von ihnen unterscheiden. Sicherlich – es gibt Tag und Nacht, Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Doch auch ganz unabhängig von Jahreszeiten und Wetter spüren wir, daß es uns in gewissen Phasen besser oder schlechter geht, und unsere Mitmenschen zur gleichen Zeit ähnlichen Stimmungen unterworfen sind. Egal, ob es sich um politische, wirtschaftliche oder persönliche Ursachen handelt: Diese Zeitstimmungen können sich über viele Monate hinziehen, und in gleich großen Räumen bewegt sich unsere Empfindungswelt.

Beim schönsten Sonnenschein können wir dunkle Wolken in uns spüren, kurze Wintertage können für unser subjektives Empfinden recht lange dauern. Mal rast die Zeit im Sauseschritt, mal scheint sie einfach nicht zu vergehen. An manchen Tagen klappt einfach alles, an anderen steht man mit dem linken Fuß auf und weiß, daß einem einfach nichts gelingen wird.

Vieles davon läßt sich mit Psychologie und Biologie erklären, doch nicht alles. Unsere eigene Lebensbiografie beschreiben wir in anderen Kategorien. Manchmal haben wir das Gefühl, just in time zu sein, manchmal scheint die Zeit an uns vorbei zu gehen.

Dann wieder gibt es diese plötzlichen Momente, in denen wir den Kristallisationspunkt einer langjährigen, vorausgegangenen Entwicklung sehen. Manchmal scheint es, als hätte das Geschehen selbst aus der Zukunft heraus eine Sogwirkung ausgelöst, Gegenwart und Vergangenheit beeinflußt. Man sagt, große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – gibt es dann auch eine rückwärtsgerichtete Kausalität?

Das klingt alles ein wenig verrückt, aber: Wer aus rationalen Gründen solche mystischen Vorstellungen ablehnt, dem ist oft überhaupt nicht bewußt, wie sehr seine eigene vernunftbetonte Haltung von Glaubensmotiven bestimmt ist – vom Glauben an den Zufall. Daß kein Phänomen zwischen Himmel und Erde nach anderen als rein logisch-rationalen Gründen, nach beweisbaren Abläufen von Ursache und Wirkung erklärt werden darf, gehört zu den Dogmen der Wissenschaftsgläubigkeit.

Doch bietet diese Denkweise für viele wichtige Ereignisse unseres eigenen Lebens keine Erklärung. Plötzliche Erkrankung, Todesfälle, Verlust von Geld oder Arbeitsplatz, aber auch die Geburt eines Kindes, unverhoffter Lottogewinn, Scheidung, ein Flirt – wer glaubt in solch einer Situation schon an Zufälle! Das Begreifen und Meistern des eigenen Lebens beginnt oft erst jenseits aller Zufallsgläubigkeit. Besonders in Krisensituationen suchen die Menschen nach Erklärungsmustern, welche die verschiedenen Zeitpunkte des eigenen Lebens zueinander in Beziehung setzen. Auf diese Weise erhofft ein jeder, für sich das Sinnhafte hinter der glatten Oberfläche der Ereignisse zu erkennen.

Völlig unabhängig von der stets gleichförmigen, quantitativen Zeitmessung der Naturwissenschaft verläuft auch unsere persönliche Chronologie. Mit 17 Jahren kann man sich sehr, sehr alt fühlen, eine alte Seele in einem jungen Körper. Und es gibt genauso Menschen, die in hohem Alter sagen, ihr müder Körper passe so gar nicht zu ihrem wachen Geist. Ja, wer hat nicht schon einmal an seinem Geburtstag erlebt, daß er sich gar nicht so jung bzw. so alt fühlt, wie es die Zahl seiner Jahre vorzugeben scheint? Sprichwörter wie „Jedes Ding braucht seine Zeit“ zeigen, daß für uns Menschen das Leben nicht geradlinig verläuft, eingeteilt in feste Größen wie Minute, Stunde, Monat und Jahr. Der Geruch, die Farbe, der Geschmack der Zeit – das sind viel passendere Beschreibungskriterien.



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Planetengott Jupiter

Jupiter

als mittelalterlicher
Holzschnitt
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