Kunst

Aber dass die Bewegung der Gestirne
eine Uhr ist, mt deren Hilfe sich
Veränderungen auf der Erde messen lassen,
ist nicht so leicht von der Hand zu weisen.
Die Dinge spielen sich in komplizierten Mustern
offensichtlicher Koinzidenzien ab,
die der Wache Blick des Künstlers gewahrt...

Camille Paglia: Die Masken der Sexualität


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Albrecht Dürer: Melencolia I(re)

Stundenglas, Waagschale, magisches Quadrat und eine traurige Gestalt: Zweifelsohne handelt es sich bei seinem Kupferstich MELENCOLIA I um eine Zusammenstellung von Attributen des Saturn. Es ist allerdings völlig offen, ob I eine Zahl oder einen Buchstaben darstellen soll.

Eine kunsthistorische Studie vermutet, es könne sich um die Darstellung der Melancholia Artificialis handeln, einer Traurigkeit des genialen Menschen, der sich der Unerreichbarkeit von Perfektion bewußt wird. Die römische Zahl I symbolisiert hier also das erste Blatt einer Serie von Darstellungen verschiedenster Formen edler Niedergeschlagenheit. Melanchthon pries die Melancholia Generossissima Dureni und stellte den Künstler mit seinem Weltschmerz somit in die Reihe genialer Geister der Weltgeschichte. Eine andere Interpretation geht davon aus, daß es sich um den Buchstaben I für das lateinische ire handelt, die Übersetzung also „Melancholie weiche!“ lautet. Der Kupferstich sei als Trost für den saturnfürchtigen Kaiser Maximilian I. entstanden. Für ihn arbeitete Dürer tatsächlich seit 1512, vor allem bei der Konstruktion des Drucks einer aus 182 Druckstöcken bestehenden Ehrenpforte von über zehn Quadratmetern Größe.

Die Frauenfigur entstammt der christlichen Tradition der Tugend- und Lasterdarstellungen. Hier wird das Laster der acedia (Schlaf des Nicht-Gerechten) dargestellt. Die zur Wange geführte Hand dient seit der Antike als Zeichen für Entspannung, Schlaf oder Trauer. Die Hand ist hier zu einer Faust geballt. Das Motiv steht für den als geizig charakterisierten Melancholiker (ebenso wie die Attribute des Beutels und des Schlüssels: unlauterer Reichtum und das Festhalten daran), aber auch als medizinisches Symptom für Wahnideen, die man festzuhalten versucht. Das Schwarze (Beschattete) findet sich in der medizinischen und astrologischen Literatur, Dürer setzt jedoch als erster den pathologischen Befund der Schwarzgesichtigkeit wortwörtlich im Bild um.

Aber die Figur schläft nicht, die Augen sind geöffnet. In sich zusammengesunken, noch ein Instrument in den Händen haltend, schweift der Blick in die Ferne. Der Blick verweist auf die geistige Welt, die sich in der Nachdenklichkeit auftut, in unmittelbarer Nähe zur Faust, die versucht, an Wahnideen festzuhalten. Die Figur der sinnenden Trägheit kontrastiert den schreibenden Putto. Er versinnbildlicht nicht nur aktive Jugend und nachdenkliche Erfahrung, sondern steht auch dafür, daß ‘sinnlose’ Betriebsamkeit und ‘sinnvolles’ Nichtstun das selbe Ergebnis bewirken. Einen Gegensatz bilden auch die wirr verstreuten handwerklichen Geräte (sie repräsentieren das Bauhandwerk), mit deren Hilfe ordentlich geometrische Gebilde konstruiert und hergestellt werden sollen, die aber für die Figur in ihrer Nachdenklichkeit offensichtlich unbrauchbar geworden sind.

Für die Geometrie als messende Kunst stehen Waage, Sanduhr und Stundenglocke (die als Eremitenglöckchen wieder auf die Einsamkeit der Melancholie verweist). Kugel und Rhomboeder zeigen die Klarheit, aber auch die Komplexität der Geometrie. Der Hund, der traditionell auf den Gelehrten verweist, liegt abgemergelt und müde am Boden. Durch eine Sinnveränderung macht ihn Dürer zum Leidensgefährten der Melancholia. In der Astrologie gilt er als Tier des Saturn. Im Horapollon bedeutet die Hieroglyphe des Hundes die Milz und die Propheten. Der Hund wird mit dem melancholischen Charakter des Gelehrten gleichgesetzt, schlauer und sensibler als andere Tiere, zur Nachdenklichkeit neigend und daher gefährdet, dem Irrsinn zu verfallen. Unter italienischen Humanisten kommt es gar zu einer Gleichsetzung des Melancholiker mit dem Mathematiker.

Die Fledermaus findet sich in der Bildtradition nicht. Im Horapollon gilt sie als Zeichen seelischer Krankheit. In der Medizin soll sie gegen Gelbsucht helfen und steht mit ihrem nächtlichen Flug für die Zeit der Melancholie. In Italien dient sie den Mathematikern als Wappentier.

Die Meereslandschaft stellt eine Beziehung zu der astrologischen Vorstellung her, die Saturn als Herr der Meere sieht, dessen Kinder ebenfalls mit dem Element Wasser in Kontakt stehen. Der Komet des Saturn bringt Überschwemmungen (überflutete Bäume im Wasser), eine Katastrophe, die gerade von Melancholikern prophezeit werden könnte.

Der Regenbogen als christliches Symbol für den Bund Gottes mit dem Menschen Noah versinnbildlicht die nach dem Untergang der Menschheit (Sintflut/Apokalypse) folgende Hoffnung. Den trüben Gedanken an den Untergang sind zwei Details entgegengerichtet: der Kranz, den die Figur auf dem Kopf trägt, und das magische Quadrat hinter ihr an der Wand. Der Kranz, geflochten aus Kresse und Reppich, beides Pflanzen die am/im Wasser leben, soll der erdhaften Natur der Melancholie entgegenwirken, erhöht gleichzeitig den positiven, nachdenklichen Aspekt der Melancholie. Das magische Quadrat mit den Zahlen des Planeten Jupiter wirkt dem schädlichen Einfluß Saturns entgegen. Die Leiter weist den Weg, das unvollständige Gebäude nach dieser Phase von Trägheit/ Nachdenklichkeit zu vollenden.

Dürers Stich besteht ausschließlich aus Gegensätzlichkeiten, die den ganzen Kosmos der Melancholie beschreiben. Ikonographisch setzt er die verschiedensten Bereiche der Kunsttradition zusammen und verbindet sie mit Neuem. In dem Stich drückt sich eben gerade die Vielschichtigkeit humanistischen Denkens aus. Dürer entwickelt daraus ein vollkommen eigenständiges Bildprogramm. Es wird nicht das Bild gezeigt „So sieht ein Mensch aus, der melancholisch ist“ (pathologischer Befund), noch dient das Bild einer Illustration des Einflusses von Saturn (im Sinne der Planetenkinder) oder als allegorische Beschreibung des Gegensatzes Arbeit - Nichtstun mit Hilfe der Personifikation der Trägheit: Die Frauenfigur wird zum beflügelten Symbol des abstrakten Begriffes Melancholie. Dürer schafft somit einen neuen Typus, der sich in den kunstgeschichtlichen Reigen der „beflügelten Frauen“ (Gloria, Fortuna etc.) einreiht.



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