Museumsausstellungen



Der Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation

Sonderausstellung im Reformationsgeschichtlichen Museum Lutherhalle Wittenberg


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Melanchthon und die Sterne

Anläßlich des sich 1997 zum 500. Male jährenden Geburtstages Philipp Melanchthons soll neben den zahlreichen offiziellen Feierlichkeiten und Aktivitäten in Wittenberg im Rahmen einer Sonderausstellung der Versuch gemacht werden, den Blick über Melanchthons theologische und humanistische Verdienste hinweg vor allem auf seine Bedeutung für die damalige Wissenschaft, vornehmlich auf sein starkes Interesse an Astrologie und Astronomie, zu richten.

Es steht außer Frage, daß zur Mitte des 16. Jahrhunderts die Kunde der Sterne einen enormen Einfluß auf die Menschen hatte. Astrologische Berechnungen, Ratschläge und Symbole waren allgemein präsent und wirkten sich in allen Bevölkerungsschichten, vom Bauern bis zum König, aus. Vom einfachen Hauskalender bis zu komplexen, mathematischen Berechnungen gab die Astrologie Rat und wirkte tief in das gesellschaftliche, politische und religiöse Leben hinein.

In einer Zeit des Umbruches, in der Melanchthon lebte und wirkte, hatte die Astrologie aber auch eine unsichere Stellung. Im Spannungsverhältnis von Scholastik und Humanismus, Papsttum und Reformation, Religion und Aberglaube mußte sie für unterschiedlichste, oft auch unseriöse Interessen herhalten. Von einfacher Volksunterhaltung über propagandistische Hetze bis hin zu gewissenhafter, wissenschaftlicher Arbeit reichte ihr Wirkumsspektrum, das in zunehmendem Maße Anhänger und Gegner spaltete. Auch Melanchthon vollzog eine diffizile Gratwanderung: Einerseits war er der religiösen Erkenntnis verpflichtet, andererseits - oder gerade deswegen - diente er der Wissenschaft. Mit dem Hintergrund des wiederentdeckten antiken Wissens faszinierte ihn der alte astrologische Mythos, bahnte er zugleich der astronomischen Forschung den Weg.

Die vier Causae

Das Grundmuster der Ausstellung folgt der Lehre der vier Ursachen des Aristoteles, dessen Philosophie auf Melanchthons Denkweise starken Einfluß hatte. Aristoteles entwickelte mit Hilfe der vier causae in Form eines Kreislaufs das Ursache-Wirkung-Prinzip. Die erste Ursache ist das stofflich Vorhandene, die dritte das hieraus geistig Anmutende, die zweite Ursache ist die kreative-subjektive Gestaltung, die vierte dann das letztendlich über alles Konkrete und Subjektive hinausgehend Erwirkte.

Diese causae korrespondieren mit den vier Quadranten eines Geburtshoroskops. Der erste Quadrant entspricht körperlichen Erscheinungen, materiellen Ressourcen und der Ausdrucksfähigkeit des Individuums. Der zweite Quadrant zeigt das Emotionale, künstlerisch-schöpferische Fähigkeiten und die Aussteuerung gegenüber der Umwelt. Geistige Öffnung gegenüber dem Ich und Bindung an das Du sowie das philosophisch-religiöse Moment finden sich in dritten Viertel des Kreises. Quadrant IV bündelt Folgerungen aus den vorhergehenden Quadranten, ist das Erwirkte und die Bedeutung, weist somit in die Zukunft.

In der Ausstellung soll den verschiedenen causae oder Quadranten inhaltlich und räumlich die divergierenden Aspekte und Persönlichkeiten des Grundthemas zugewiesen werden. Raum I zeigt Sternenglaube und -wissenschaft im 16. Jahrhundert (Melanchthon), Raum II ihre damaligen künstlerischen Ausdrucksformen (Dürer), Raum III die historischen Reibungs- und Berührungspunkte zu Glaube und Religion (Luther). Die verschiedenen Teilbereiche werden durch einen historischen Leitfaden zusammengehalten und führen zu Punkt IV, der als Quintessenz Melanchthons Einfluß und Wirkung auf Astrologen und Astronomen späterer Zeiten darstellt.

Inhaltliche Struktur

Im ersten Abschnitt der Ausstellung soll ein kurzer Abriß über den Stand der Sternenwissenschaft der frühen Neuzeit gegeben werden. Ausgehend von dem neuen, revolutionären Weltbild des Nikolaus Kopernikus, zu dessen heliozentrischer Sichtweise sich u.a. Luther in seinen Tischreden äußert, werden Gemeinsamkeiten und Spannungen zwischen der Astrologie und Astronomie jener Zeit dokumentiert. Melanchthons verfolgte einerseits mit Interesse die neuen astronomischen Entwicklungen, erstellte andererseits aber selbst Horoskope, nach denen er sein Leben ausrichtet und die er mit Astrologen diskutierte. Im nächsten, dem zweiten Abschnitt wird ein kurzer Überblick über die künstlerische Deutung und Bedeutung der Astrologie im 16. Jahrhundert gegeben. Speziell an Beispielen aus dem Werk Dürers werden verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eines Werkes (astrologisch und/oder christlich) angeboten.

Der dritte Abschnitt lenkt den Blick des Besuchers auf Luthers Stellung zur Astrologie, seinen Stand punkt und seine vielgestaltige Darstellung in diesem Zusammenhang. So erscheint er in der astrologischen Weissagung Lichtenbergers als Mönch mit Teufel, in der religiösen und politi­schen Propaganda als Antichrist, als ‘neuer’ Christus, oder als Hercules. In diesem Zusammenhang steht auch der Streit über Luthers Geburtszeit und die daraus folgenden verschiedenen zu ihm erstellten Horoskope.

Im vierten Abschnitt wird die Wirkungsgeschichte der astronomisch-astrologischen Ideen Melanchthons dokumentiert, sein Einfluß auf Zeigenossen und Schüler. Auch nach seinem Tode wurde seine Idee einer an christlicher Moral ausgerichteten Astro- logie und -nomie aufgenommen. Daß es hierbei auch grundsätzlich um den Versuch geht, der sich damals entwickelnden Naturwissenschaft eine ethisch-moralische Orientierung zu geben, macht den Wissenschaftsphilosophen Philipp Melanchthon auch für die heutige Zeit so interessant.

Der sich durch die historische Gebäudestruktur des ehemaligen Augustinerklosters anbietende Kryptabereich (über eine Wendeltreppe im hinteren Teil der Kreuzgangs zu erreichen) liegt unter dem ganzen Ausstellungskomplex. Das dort präsentierte Diorama eines alten „heidnischen“, d.h. vorchristlichen Tempels für den Sonnengott Mitras zeigt, eingebettet in eine moderne Installation aus Klangelementen und visuellen Darstellungen, die kulturhistorische Entwicklungsgeschichte.

Weitere Hinweise

Für die fachliche Begleitung des Ausstellungsprojekts danke ich Herrn Dr. Martin Treu, Direktor des Reformationsgeschichtlichen Museums Lutherhalle Wittenberg, sowie Frau Edeltraut Wießner und Frau Karin Lubitzsch. Als Herausgeber des Ausstellungskataloges „Melanchthons Astrologie - Der Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation“ 28 nahmhafte Historiker, Theologen, Astronomen und Astrologen für wissenschaftliche Beiträge gewinnen. All jenen, die den romanhaften Erzählstil bevorzugen, sei mein Ende 1997 erscheinendes Buch „Astrologie der Reformationszeit“ empfohlen.

Jürgen G. H. Hoppmann





Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei


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FAUST- MUSEUM UND FAUST- ARCHIV, 75438 KNITTLINGEN, KIRCHPLATZ 2, TELEFON 0 70 43 / 3 73 70 TELEFAX 0 70 43 / 3 73 71, WISS. LTG.: DR. PHIL. HABIL. GÜNTHER MAHAL

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9.30 - 12 und 13.30 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 10 - 18 Uhr, Montags geschlossen, Eintritt: 3,00

Fausts mantische und prophetische Künste

Die weissagende Mantik und die sterndeutende Astrologie haben es stets mit der Zukunft zu tun; sie ziehen den Schleier weg, der das Morgen und Übermorgen verhüllt. Wer es versteht, das Künftige jetzt schon zu enthüllen, der gilt als Prophet. Und als Prophet konnte und kann sogar gelten, wer den Zukunftsssüchtigen und Leichtgläubigen wenigstens den Anschein zu geben vermag, er wisse das Übermorgen zu schauen. Faust, das zeigt sich bei seinem Besuch in Rebdorf 1528, begriff sich als Prophet, und er wurde offenbar auch als ein solcher anerkannt. Er muß sogar als ein Zukunftsdeuter von hohem Rang gegolten haben, sonst wäre er nicht 1520 vom Bamberger Bischof Georg III. als Nativitätenausleger engagiert und fürstlich honoriert worden; Joachim Camerarius (enger Freund von Melanchthon und Luther - Anm. d. Kurators) hätte sich in seinem Brief an Daniel Stibar 1536 nicht so dringend über die Prognosen Fausts erkundigt...

Zudem findet sich unter den zeitgenössischen Quellen, nämlich im Wettertagebucheintrag des Rebdorfer Priors Kilian Leib vom 5. Juni 1528, eine bisher kaum beachtete Aussage Fausts, die seine Selbsteinschätzung als Prophet klar zum Ausdruck bringt - wenn auch der Zusammenhang auf den ersten Blick eher kurios oder gar unsinnig erscheinen mag. Der erste Satz von Kilian Leibs Eintrag lautet nämlich:

Georg Fausts helmstet. sagte am 5. Juni 1528: Wenn Sonne und Jupiter im gleichen Grad ein und desselben Tierkreiszeichens sind, dann werden Propheten geboren (solche wie er, wie ich glaube).

Zeigt sich in dem Klammersatz des skeptischen Priors auch viel Distanz zu dem von Faust erhobenen Propheten-Anspruch, der für den geistlichen Herrn den Propheten des Alten Testaments und Johannes dem Täufer vorbehalten war, so bleibt doch dieser Anspruch Fausts bestehen als ein Selbstverständnis, das subjektiv nicht bestritten werden kann und das, zieht man andere zeitgenössische Quellen hinzu, offenbar auch objektiv gerechtfertigt erscheint.

Zitiert aus: Günther Mahal: Faust - Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens, Bern und München 1980


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Astrologie der Reformationszeit

Philipp Melanchthon, eine zentrale Figur dieser Ausstellung, war beim eigentlichen Horoskopedeuten nicht besonders treffsicher. Bei einer Prognose für seine Tochter tippte er sogar reichlich daneben. Die Faszination von Melanchthons Gestalt liegt in der Art und Weise, wie er sich als Humanist und Christ zur Sternenwissenschaft bekannte, sie in Forschung und Lehre an der Wittenberger Universität Leucorea förderte und Kontakte zu zahlreichen Kollegen in ganz Europa knüpfte - und auch zur Mythenbildung um scheinbar gänzlich unwissenschaftliche Zeitgenossen wie dem des sagenhaften Doktor Faust beitrug.

Was geschah damals eigentlich, vor fast 500 Jahren? Aby Warburg, einer der namhaftesten Kunsthistoriker unseres Jahrhunderts, schilderte es in seinem legendären Aufsatz „Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten" die Vorgänge ungefähr folgendermaßen:

Ein geheimnisvoller Kreis von sternengläubiger Dunkelmännern rund um Magister Philipp Schwarzerdt, genannt Melanchthon, fälschte das Horoskop des großen Reformators Martin Luther, hintertrieb dessen edle humanistische Ziele, brachte durch geheime Kanäle den Geist der heidnisch-dämonischen Antike in die helle, lichte Humanistenwelt des beginnenden 16. Jahrhunderts. Nergaletir könne sie geheißen haben, jene Verschwörerbande. Magister Philippus, Geheimdiplomat Carion und der päpstliche Astrologe Gauricus sollen gemeinsam Luthers Geburtsdatum derart verdreht haben, daß der Sternenpaß fortan eine Satansgeburt verriet. Nun, für heutige Freunde der Astrologie ist dieses Aussage natürlich unbefriedigend, und man möchte nachhaken. Wie soll man erklären, daß sich in früheren Zeiten so viele bedeutende Gelehrte mit der Astrologie beschäftigt haben? Vielleicht mit Ernst Blochs Begriff der „Ungleichzeitigkeit" in der intellektuellen Geschichte?

Waren die bedeutenden Gelehrten damals also einfach nur ein wenig schrullig? Diese Haltung wäre doch ziemlich herablassend. Wir ach so weit entwickelten Jetztzeitmenschen sollten mit etwas weniger Arroganz in die Vergangenheit schauen. Für Philipp Melanchthon war die Suche nach einer physikalischen Erklärung der Astrologie von eminenter Bedeutung. Wenn man ihr heutzutage ein stabileres Fundament geben will, muß man zu den Quellen zurückkehren, ad fontes. Diesen Wahrspruch der Humanisten im frühen 16. Jahrhundert hatte er sich auf die Fahnen geschrieben. Er förderte über Jahrzehnte an der Wittenberger Universität Leucorea die Sternenwissenschaften, war überzeugt davon, daß es physikalische Zusammenhänge zwischen Planetenbahnen und irdischem Leben gäbe. Uns können seine Gedanken inspirieren, aus der Sackgasse der einzig auf Psychologie ausgerichteten modernen Astrologie herauszukommen.

Auch Faust ist eine faszinierende Figur, sehr leicht aus der Vergangenheit in die jeweilige Jetztzeit hinzuprojizierbar. Denken wir an die heute (noch) so frei und skurril vor sich hinblühende New-Age-Scene mit ihren Stars und Buhmännern, so können wir seine Charakterzüge doch hier und da schon wiederfinden, oder?


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Die Exponate

Raumgestaltung

Mittendrin im faustischen Zodiakus

Anhand der Bildinterpretation eines berühmten Gemäldes der Reformationszeit wird demonstriert, wie eng sich im 16. Jahrhundert Sternendeutung und Sternenwissenschaft miteinander verknüpften. Nachbauten der gemalten Instrumente der Gestirnsbeorachtung und der Horoskoperstellung sind als dreidimendionale Exponate rund um die Reproduktion gruppiert.

R-01 Tierkreis, auf den Boden gezeichnet, nach Faust-Buch von Marlowe
R-02 Krokodil - nach Willibald Alexis auch in Johann Carions Astrologenstube
R-03 Tischplatte für Asymus Stedelin, Martin Schaffner, 1533
R-04 Die gemeine Landtaffel des Deudschen Landes. Wittenberg, Tilmann Stella von Siegen, 1560. Die Geburts-und Aufenthaltsorte berühmter Astrologen der Reformationszeit sind markiert.
R-05 Drehbare Horoskopscheibe zur Saturnberechnung, Peter Apian, um 1550, Nachbau von Dr. Karl Röttel, Buxheim bei Ingolstadt
R-06 Andreas Cellarius: PLANISPHERIVM PTOLEMAICVM, COPERNICANVM, BRAHEVM ET ALII (8 Drucke, über Kopfhöhe an den Raumwänden verteilt) Amsterdam 1660

Eingangsbereich

Musik des Weltalls

Für viele ist Hermann Hesses „Glasperlenspiel" eine Beschreibung der kosmischen Harmonien, wie sie sich in der Astrologie wiederfinden. Vergegenwärtigen wir uns bei einem Besuch im nahe Knittlingens gelegenen Kloster Maulbronn die Gestalt des Musikmeisters, fahren wir von dort aus weiter zu Johannes Keplers Geburtshaus in Weil der Stadt: Ganz in der Tradition von Faust und Melanchthon suchte jener nach dem auch klanglich hörbaren Mysterium Cosmograficum. Der Planetengong in „faustischen" Ton des Pluto lädt die Besucher zum erfahrbaren Klangerlebnis.

E - 01 Röhren-Gongspiel Planetenton Pluto (Cis)
E - 02 Keplers Platonische Körper - Plakat Heinrich-Schütz-Museum
E - 03 Johann Crüger: Synopsis musica, continens rationem constitutiendi... Berlin: Kally 1630
E - 43 Epistolae ad Johannes Kepplerum von 1751

Zentralvitrine

Alles dreht sich um die Sterne

Die Geistesbewegung des Humanismus schöpfte im 15. und 16. Jahrhundert aus alten griechischen Quellen, die sich durch römische und arabische Gelehrte bis hinein die die Zeit des Hochmittelalters erhalten hatten, und erst zu diesem Zeitpunkt in Nordeuropa zu neuer Blüte kamen. Hier wird dargestellt, wie prachtvoll sich Gedanken und Bilder der alten Kosmologie zu Zeiten von Faust, Luther und Melanchthons neu entfalteten.

ZV-01 Atlas Farnese (Neapel, um 150 n.Chr.): Gipsabguß aus der Warburg-Sammlung in Hamburg
ZV-02 Römische Merkur-Statuette 1. Jh. v. Chr., Einzelguß-Replik
ZV-03 Griechische Herme. Vorchristlich, Gips-Replik
ZV-04 Zwölf historische Tierkreisbeschreibungen aus der Astronomia Teutsch von 1578
ZV-05 Arabische Tierkreiszeichenmünzen
ZV-06 Tycho Brahes Schloß Uraniborg
ZV-07 Weltglobus, 16. Jh.
ZV-08 Peter Apian: Astronomicus Caesaricus. Ingolstadt, 1540, Faksimile, Gotha 1967
ZV-09 Martin Pegius: Geburtsstundenbuch. Basel 1586. Faksimile, München, 1924

Wandvitrine

Einheit von Astronomie und Astrologie

Anhand der Bildinterpretation eines berühmten Gemäldes der Reformationszeit wird demonstriert, wie eng sich im 16. Jahrhundert Sternendeutung und Sternenwissenschaft miteinander verknüpften. Nachbauten der gemalten Instrumente der Gestirnsbeobachtung und der Horoskoperstellung sind als dreidimensionale Exponate um die Reproduktion gruppiert. So werden die Feinheiten der Bildkomposition deutlich.

WV-01 Hans Holbein: The Ambassadors. 1533
WV-02 Portrait des Johannes Stoeffler (Lehrer Melanchthons und Carions) Ephemeriden von 1532
WV-03 Johannes Stoefflers Himmelsglobus (wie im Gemälde abgebildet). Justingen 1493
WV-04 Peter Apian: Kauffmanns-Rechnung (wie im Gemälde abgebildet). Ingolstadt, 1527
WV-05 Modell Pastor (wie im Gemälde abgebildet). Genom-Sonnenuhr im Taschenformat
WV-06 Modell Kepler. Klappsonnenuhr
WV-07 Melanchthons Sonnenuhr
WV-08 Ringsonnenuhr Augsburg, 1718
WV-09 Sternwarte Rundetårn, Kopenhagen
WV-10 Nocturnal von 1660, Nachbau
WV-11 Jakobsstab, Nachbau
WV-12 Horoskop der Greenwich-Sternwarte von Flamsteed
WV-13 Greenwich-Sternwarte - historischer Stich

Großvitrine

Horoskopie und Glauben

Zentraler Blickfang ist die Büste Philipp Melanchthons. Er vereinigte in sich als Person die Liebe zur Astrologie und zugleich das aufopferungsvolle Streben für die Reformation des Christentums im Sinne Martin Luthers. Folglich ist dessen Portrait rechts abgebildet, dazu ein Gemälde eines guten Freundes dieser beiden Protestanten, des Kurbrandenburgischen Hofastrologen Johann Carion. Astrologie spielte in der Reformationszeit eine bedeutende politische Rolle, und Carion hatte einen prägenden Einfluß. Die heiligen drei Könige, Fotografien aus dem Benediktinerkloster

Niederaltaich und dem Dom zu Havelberg veranschaulischen, wie stark die gemeinsamen Wurzeln von Astrologie und Christentum sind - und daß die Sternendeuterei auch in der katholischen Kirche ihren Platz hatte und hat. Auf den anderen Seite Melanchthons wird die sagenhafte Gestalt des Magiers und Astrologen Johann Faust erinnert - war es doch nicht zuletzt Philippus selbst, der Praeceptor Germaniae, der mit seinen Erzählungen über den gar unchristlichen Dr. Faustus den Teufel an die Wand malte, erste Impulse für eine jahrhundertelange Mythenbildung setzte.

GV-01 J. G. Neumann: Faustbuch,1693. Erstdruck aus cem Archiv des Faust-Museums.
GV-02 Totenschädel. Neuzeitlich, Leihgabe von AKRON / C.F. Frey
GV-03 Christoph von Sichem: Mephistopheles / Ioan Faustus, 1677
GV-04 Leonard Thurneysser: Rezept gegen Zahnweh.
GV-05 Aderlaßmann aus Heinrich Rantzaus Diarium Romanum, 1593
GV-06 Medizinisches Amulett nach Paracelsus, 1540
GV-07 Medizinisch-magisches Amulett-Signum Salomonis. VS..:FIEBER+SCHRECK+ PFENNIG+BEY+SICH+ZV+TRAGEN+. Hexagramm.. In einem Kreis von Tierkeiszeichen befindet sich ein Pentagramm.
GV-08 Franciscus Petrarca: Von der Artzney bayder Glück, des Guten und Widerwärtigen. 1532, Faksimile, Leipzig, 1983
GV-09 Giordano Bruno: Gedächtnisorte und Mondgöttin. Frankfurt, 1591
GV-10 Almut Heer: Philipp Melanchthon. Gipsbüste, Hamburg 1997
GV-11 Christus mit Evangelistenzeichen, St. Nikolai, Stralsund
GV-12 Prämonstratenserkreuz im Dom zu Havelberg
GV-13 Georg Lemberger: Schöpfung. 1540
GV-14 Weissagung Johannis Lichtembergers. Unterricht Doktor Martini Luthers. Wittenberg, 1527
GV-15 Luthers Gebetbuch mit astrologischem Kalenderteil von Erasmus Reinhold. Wittenberg, 1543
GV-16 Astrodial-Horoskopscheibe des Weltuntergangshoroskop von 1527
GV-17 Niederaltaicher Horoskopstein
GV-18 Lithophanie der Straßburger Münsteruhr von 1530
GV-19 Astronomische Uhr im Dom zu Münster
GV-20 Astronomische Uhr in der Marienkirche Rostock
GV-21 Astronomische Uhr in der Nikolaikirche Stralsund
GV-22 Lucas Cranach d. Ä.: Der Sterbende. 1518
GV-23 C. Meyer: Portrait des Huldreich Zwingli. 16. Jh.
GV-24 Leonardo da Vinci: Abendmahl. Mailand, Refektorium Chiesa die Santa Maria della Grazzie. 1497

Seitenvitrine

Variationen himmlischer Künste

Auf vielfältige Weise wurden im Jahrhundert der Reformation in Nordeuropa bzw. der Renaissance Italiens kosmologische Motive in visuellen Darstellungen verwendet. Welchen gesellschaftlichen Rang die Astrologen und Astronomen selbst innehatten, demonstiert eine Serie von Portraits jener Zeit.

SV - 01 Alabaster-Statuette nach Botticellis Gemälde "Geburt der Venus", Replik, Italien 1997
SV - 02 Sandro Botticelli: Geburt der Venus. Florenz, Ufficien 1482
SV - 03 Caprarola - Palazzo Farnese, Decke des Saales von Mappamondo: Die Tierkreiszeichen.
SV - 04 Ferrara: Palazzo Schiphanoia mit zodiakaler Darstellung der Jahreszeiten
SV - 05 Albrecht Dürer: Maria auf der Mondsichel
SV - 06 Albrecht Dürer: MELENCOLIA I. 1514
SV - 07 Eneo Vico: Schlacht bei Mühlberg
SV - 08 Portrait des Nicolaus Copernicus
SV - 09 Portrait des John Dee
SV - 10 Portrait des Johannes Kepler
SV - 11 Portrait des Lucas Gauricus
SV - 12 Portrait des Hieronymus Cardanus
SV - 13 Portrait des Iacobus Milichius. 1559
SV - 14 Lucas Cranach der Ältere (Schule): Portrait des Johann Carion. 1530
SV - 15 Monogrammist ISI: Portrait des Nicolaus Prugner. 1546
SV - 16 Caspar van der Borcht: Portrait Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel mit Tycho Brahe. 1577
SV - 17 Portrait des Jenaer Astronomieprofessors Heinrich Hoffmann. 1619

Tischvitrinen und Wandtafeln

Die Gestirnswissenschaften

Wie sahen früher eigentlich Horoskope aus, anhand welcher Bücher wurden sie berechnet - und vor allem: wie deutete man sie? Auf einige Fragen gibt dieser Teil der Ausstellung anhand der Horoskope von Luther, Melanchthon, Faust und anderer historischer Personen eine Antwort. Einige moderne Deutungen bieten den Vergleich von moderner psychologischer Interpretation mit der Methodik des Mittelalters.

TV-01 Handschriftliche Notiz in den Ephemeriden den Johannes Stoeffler
TV-02 Al-Biruni: Art of Astrology. 1029, Reprint von R. Wrights englischer Übersetzung von 1934
TV-03 IOANNIS DE SACROBVSTO LIBELLVS DE SPHÆRA. Wittenberg, 1548
TV-04 Claudius Ptolemäus: Tetrabiblos. Nach der von Philipp Melanchthon besorgten Ausgabe aus dem Jahre 1553.
TV-05 Johann Stoeffler: Ephemeriden 1552-56. Tübingen, 1548
TV-06 Johannes Regiomontanus: Deutscher Kalender Nürnberg 1474
TV-07 Schöner, Johannes: Opusculum Astrologicum. Nürnberg 1538. Übersetzungvon Robert S. Hand. Zweite überarbeitete und korrigierte Version. Berkeley Springs 1996.
TV-08 Guido Bonatus: Anima Astrologiae. 13. Jh. Faksimile einer Übersetzung von Henry Coley, editiert von William Lilly, aus dem Jahre 1675.
TV-09 Claude Dariot: Judgement of the Stars. 1557. Reprint
TV-10 Philipp Melanchthon: Gründungshoroskop der Wittenberger Universität
TV-11 Erasmus Reinhold: Melanchthons Horoskop.
TV-12 Philipp Melanchthon: Manuskript der Initia doctrine physicae.
TV-13 Philipp Melanchthon: Horoskop des Johann Carion auf den 22.3.1499, 13.46 Uhr
TV-14 Johann Carion: Vaticinum auf Joachim I. (Progressionen für das Jahr 1532)
TV-15 Johann Carion: Revolution für Herzog Albrecht von Preußen (Solar für das Jahr 1529)
TV-16 Deutung des von Lucas Gauricus erstellten Lutherhoroskopes - klassisch
TV-17 Deutung des von Dr. Mahal rekonstruierten Faust-Horoskopes- nach der Astronomie Teutsch sowie modern.
TV-18 Philipp Melanchthon: Horoskop Luthers auf den 10.10.1483, 22.00 Uhr
TV-19 Philipp Melanchthon: Horoskop Luthers auf den 22.10.1484, 21.00 Uhr
TV-20 Johannes Garcaeus: Astrologiae Methodus. Basel, 1570
TV-21 Hieronymi Cardani Medici mediolanis libelli due. Nürnberg, 1543 (Mit Lutherhoroskop)
TV-22 Philipp Melanchthon: Oratio de Dignitate Astrologiae (Übersetzung seiner „ Rede über die Würde der Astrologie")


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Weitere Hinweise

Für die fachliche Begleitung des Ausstellungsprojekts im Faust-Museum danke ich Herrn Dr. Günther Mahal. Es beruht hauptsächlich auf meinen dreijährigen Studien für die Ausstellung „Melanchthons Astrologie - Der Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation" im Reformationsgeschichtlichen Museum Lutherhalle Wittenberg, sowie auf Konzeptionen, die ich für das 1998 erschienenedes Buch „Astrologie der Reformationszeit, Clemens-Zerling-Verlag, Berlin, ISBN 9-88468-069-2" entwickelte. Für die Berechnung der Horoskope, deren grafische Gestaltung und Umsetzung in historische und moderne Deutungstexte wurde die Astrosoftware PCA 3.1 ARGUS verwendet.





Millennium - Antike Gestirnsgottheiten und Berlins Hofastrologe Johann Carion  

Für die fachliche Begleitung des Ausstellungsprojekts in der Abguss-Sammlung Antiker Plastik in Berln-Charlottenburg danke ich Prof. Dr. Klaus Stemmer von der Freien Universität Berlin.


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Johann Carion (1499 - 1999): Eine Literaturkritik aus kunsthistorischer Sicht

Überhaupt liegt über seinem Leben bis 1522 ein völliges Dunkel“ schrieben moderne Historiker, die ihn merkwürdigerweise als ersten Berliner Astronom bezeichneten <1>. Dabei hatte der 1499 geborene Johann Nägelin (latinisiert: Carion) wohl nie ernsthaft die Gestirnsläufe astronomisch beobachtet. Sein Fachgebiet war vielmehr deren Deutung. Das erläutern die Autoren auch anhand vieler Beispiele, allerdings in einer etwas sehr ironischen Diktion. Dass sie Carion im Titel als Astronom bezeichneten, ist verwunderlich. Nicht nur der zu Beginn des 20. Jahrhunderts tätige Kunsthistoriker Aby Warburg lehnte die Sternendeutung, deren Geschichte er jahrzehntelang intensiv erforschte, im privaten Bereich vehement ab. Diese den Blick auf den akademischen Forschungsgegenstand doch arg trübende Haltung vertreten auch zum Ende des 20. Jahrhunderts noch eine ganze Reihe von Geschichtsforschern. So heißt es einleitend zu einer Kurzbiografie des Virdung von Hassfurt, welcher Melanchthons Horoskop erstellte: „Meine Ausführungen sollen nicht als Plädoyer für die Astrologie missverstanden werden. Ein solches Unternehmen wäre ebenso unzeitgemäß wie überflüssig. Denn die Astrologie, dieser Glaube an die Sterne als schicksalsbestimmende Mächte, verbunden mit dem Bestreben, durch eine bestimmte Technik diese Schicksal zu erhellen, ist tot. Und das seit mehr als 300 Jahren. Wiederbelebungsversuche, die immer wieder angestellt wurden, waren zum Scheitern verurteilt.“ <2> Angesichts der Tatsache, dass die Astrologie heutzutage lebendiger denn je ist, könnte man diesen Historiker ignorant bezeichnen. Vielleicht wäre jedoch Zynismus die bessere Bezeichnung. Schließlich waren die modernen, psychologisch ausgerichteten Astrologen harten Verfolgung durch das NS-Regime <3> ausgesetzt, die sich bis weit in die Nachkriegszeit hinein fortsetzten.<4> Eine sicherlich zu distanzierte Haltung findet man auch bei neueren Werken zur Astrologie. So schrieb vor kurzem ein amerikanische Historiker einleitend zu einem über 400 Seiten fassenden Werk über den italienischen Renaissance-Astrologen Cardanus: „Obwohl keine der heute existierenden europäischen und amerikanischen Universitäten einen Fachbereich Astrologie unterhält, blüht diese Kunst doch nach wie vor überall in der westlichen Welt. Schicke esoterische Buchhandlungen von Genf bis Pasadena führen Astrologisches in all seinen raffinierten Spielarten...“ <6> Dass es gerade in esoterischen Buchhandlungen hervorragende neue Werke von Astrologen in Großbritannien (Nicholas Campion) und den USA (Robert Hand) gibt, die zugleich studierte und renommierte Historiker sind, sollte in diesem Zusammenhang Erwähnung finden. Kritisch möge auch die folgende Bemerkung aus einer 1997 in Deutschland erschienenen Studie über Johann Carion betrachtet werden: „Ich (...) beschreibe die wichtigsten astrologischen Sonderlehren vor dem Wissensstand des 16. Jahrhunderts, als die Astrologie ihre höchste und seither letzte Blüte erlebt hat.“ Anzumerken sei, dass die Astrologie im 20sten Jahrhundert eine vergleichbare Blüte erlebt. top

Literarische Mythenbildung

Zurück zu Johann Carion: Höchstwahrscheinlich stammt er genau wie der Reformator Philipp Schwarzerdt (gräcisiert: Melanchthon) aus dem Württembergischen, studierte mit ihm gemeinsam wahrscheinlich die Astrologie unter Johann Stoeffler <6>. Im Jahre 1522 wurde Carion an den Hof Kurfürst Joachims I. nach Berlin gerufen und leistete als erster und einziger Astrologe der Region wahrlich Pionierarbeit in seinem Metier. Was war dies für ein Mann, von welchem Charakter und von welcher Gestalt? 

Ein während des Drittes Reiches geschriebener Roman <7> schildert Carion als souveränen und weisen Ratgeber des Kurfürsten. Seite an Seite reiten sie durch die Stadt und bändigen die durch eine Weltuntergangsprophezeiung ausgelöste Panik des Volkes. Man muss dieses mit großem astrologischen Sachverstand geschriebene Buch im Kontext seiner Zeit sehen, als Versuch einer Rechtfertigung des damaligen astrologischen Berufsstandes gegenüber dem immer stärker werdenden Druck des Faschismus: 1940, zur Zeit seiner Drucklegung, waren die meisten diesbezüglichen Publikationen bereits verboten. Die Flucht von Hitlers Stellvertreter Heß ein Jahr später führte zu einer großangelegten Verhaftungswelle unter den Sternendeutern. 

Mitte des 19. Jahrhunderts stellte ein „vaterländischer Roman“ Johann Carion in ein gänzlich anderes Licht <8>. Ganz offensichtlich stellte der Autor keine großangelegten historischen Nachforschungen an, sondern orientierte sich lediglich an einem Stich des englischen Satirikers William Hogarth, in welchem der Astrologe William Lilly verulkt wird. Inmitten alchemistischer Kuriositäten wie Embryo im Weckglas und ausgestopftem Krokodil sitzt eine bleiche, zwergenhafte Gestalt über Horoskopzeichnungen - so jedenfalls der Autor.Auch hier ist der historische Hintergrunde des Romans nicht uninteressant: Die Gründung des Deutschen Reiches unter Preußens Vorherrschaft stand an, und die Frage der Bedeutung des Einflusses der Astrologie auf die Politik war vakant. Noch bis 1797 hatte die Gold- und Rosenkreuzer die preußische Regierung maßgeblich beeinflusst. <8> Als dem preußischen König 1848 die Kaiserkrone angeboten werden sollte, erinnerte man sich an eine alte Prophezeiung Carions, dass einst ein Hohenzollernfürst die „höchste Würde der Christenheit“ erlangen werden <9>. Man befürchtete damals also, dass aufgrund der nun von manchen als eingetroffen gewertete Voraussage Astrologen erneut Einfluss auf die Politik bekämen. top

Ein Gemälde als historisches Dokument

Im Jahre 1530 reiste der berühmte Wittenberger Maler Lucas Cranach der Ältere nach Berlin zum Kurfürsten Joachim I. Ein aus dieser Zeit stammendes Bildnis zeigt Carion in derart edler Linienführung, dass es vermutlich von Crananch persönlich gemalt wurde: voller Stolz, mit Wappen, Pelzkragen und feinem Rock, den Insignien eines höfischen Edelmannes. Es ist ein feister Mann, doch mit klarem Blick und einer natürlichen Würde. Lassen wir ihn selbst sprechen, indem wir die Inschrift <11> auf dem Gemälde des Lucas Cranach wiedergeben: SI QVIB<US> EST LECTIS MEA COGNITA FAMA LIBELLIS / QVOS MEA SOLERTI CVRA LABORE DEDIT / ILLE EGO SV CARION, COELI QVI SIDERA TRACTO CLARIS ET ASTROR V NOMEN AB ARTE FERO - „Ich bin Carion, der berühmte Verfasser von vielgelesenen Werken, die ich auf Grund meiner Arbeit und meines Studiums verfasst habe, ich untersuche die Gestirne und rühme die Namen der Sternbilder.“Es sollte nicht vergessen werden, dass Carion in Kur-Brandenburg maßgeblich die Weichen der Politik stellte. Sowohl seinem katholischen Fürsten Joachim I. als auch dessen zum evangelischen Glauben konvertiertem Sohn und Nachfolger Joachim II. leistete er wertvolle diplomatische Dienste, spielte auch bei der Umwandlung des preußischen Ordenslandes in ein reformiertes Fürstentum eine wichtige Rolle. Seine Chronica Carionis wurde in der Überarbeitung durch Melanchthon das erste deutsche Geschichtsbuch, erlebte jahrzehntelang immer wieder Neuauflagen. Fürwahr, er war der erste Hofastrologe in Berlin, und das Gemälde zeigt ihn in Amt und Würden! Solch eine Selbstdarstellung im Portrait wäre damals ohne Placet des Fürsten nicht möglich gewesen. top

Prognostizierter Weltuntergang

1522, als Johann Carion nach Berlin an den Kurfürstlichen Hof gerufen worden war, hatten sich die in Deutschland gedruckten Prophezeiungen in Form von Flugblättern zu einer angeblich zwei Jahre später stattfindende Sintflut an Zahl und Umfang erheblich erhöht. Diese Drucke gehörten zu denen mit der höchsten Auflage für die damalige Zeit. Fast jeder Astrologe von Rang und Namen ließ zu diesem Thema etwas drucken. Je näher dieser Termin rückte, um so stärker wurde die Panik. Eine rationale Erklärung wäre, dass die damals so starren und kaum reformierbaren gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen nur noch die Wahl ließen, an den Weltuntergang zu glauben. Astrologen des Zwanzigsten Jahrhunderts Zeit würde in jener Planetenballung in der Fischen <12> wohl ablesen, dass die Volksseele zu jenen Tagen ungeheuer sensibel war, zu Hysterie und Wahnsinn neigte. Eine Abbildung aus einer Praktik des Peter Apian, Astronom und Astrologe des Kaisers in Ingolstadt, stellt die Konstellation dar. Alle sichtbaren Lichter und Planeten waren in diesem Zeichen versammelt. 

Am 19.2.1524 ging die Welt nicht unter. Der Astrologe vermutete, dass erst vier Monate später die kritische Konstellation erreicht sein würde. Im Juni verließ dann der gesamte Berliner Hofstaat die Stadt und um Quartier auf der höchstgelegenen Erhebung der Region, dem Kreuzberg zu beziehen. Große Mengen an Nahrungsmitteln und Wein sollen mitgenommen worden sein, um die 'Große Wässerung' zu überleben. Tatsächlich war dies eine ziemlich trockene Periode. Nach einem Tag (oder einer Woche, je nach Überlieferung) war immer noch nichts geschehen. Man zog wieder zurück in den Palast. Direkt am Schlosstor soll ein großer Blitz Kutsche und ein Pferd des königlichen Gespanns erschlagen haben. Dichtung oder Wahrheit? Auf jeden Fall eine herrliche Geschichte, voll von Aktion und Dramatik.



Eine fiktive Grabinschrift

Dem lebenslustigen Carion hat die nicht eingetroffene Prophezeiung kaum geschadet. Er blieb noch lange als Diplomat in den Diensten des Kurfürsten und schrieb außerdem eines der ersten Geschichtsbücher Deutschlands. Er starb schon mit 38 Jahren auf einem seiner zahlreichen Saufgelage - eine dem vitalen, lebenslustigen Widder-Geborenen durchaus angemessene Form. 17 Zeilen auf einem (wahrscheinlich nie wirklich aufgestellten, aber schriftlich überlieferten) Grabstein beschreiben etwas sarkastisch Leben und Tod dieses Mannes. Dieser Text stammt aus einer Sammlung größtenteils ungedruckter Briefe, Gedichte und Anekdoten von verschiedenen Gelehrten zur Zeit der Reformation <13>. Der etwas bösartige Tenor lässt darauf schließen, dass der Autor des Epitaph-Textes nicht gerade ein Freund des Verstorbenen war:

Iohannes Carion Doctor   Doktor Johannes Carion 

Ingentium Craterarum Decoctor Ungeheuer Schlücke Genießer 

Influxuum Coelestium Divinator Einflüsse des Himmels Deutender 

Iniuriarum Constans Dissimulator Unrecht beständig Verheimlichender 

Insigniter Clarus Dominantibus Ausgezeichnet durch die Herrschenden

Integer Carens Deceptione Unbescholten Unbemittelte Täuschender 

Invidia Calumnia Detractatione Mißgünstige Verleumdung Verweigernder 

Inter Compotores Deductur Besitz an sich Reißender 

Invictus Certando Deiicitur Ringend im Wettstreit zu Boden Werfender 

Ilico Corpore Delastatur   Zugleich körperlich Ausschweifend 

Ita Cunctis Deamatur Folglich zögerlich Liebender 

In Certamine Debellatur Um die Wette Streitender 

Immiti Caronti Devoentur Letztlich das Fleisch zum Tode Geweihter 

Indulge Christe Decantetur Die Nachsicht Christi Verse Herunterleiernder 

Ignosce Clemens Derepente Unvermutet sanftmütig Bereuender 

Inter Calices Demorienti In seinen Bechern Sterbender 

Wer mehr über Johann Carion erfahren will, sei auf mein 1998 in Berlin erschienenes Buch <14> verwiesen und ist zugleich herzlich eingeladen, die Ausstellung in der Abguß-Sammlung Antiker Plastik zu besuchen. Dort findet man auch Reproduktionen der im Text erwähnten Abbildungen.



Anmerkungen:

1 - Fürst, Dietmar und Hamel, Jürgen: Johann Carion (1499 - 1537): der erste Berliner Astronom. Berlin 1988

2 - Steinmetz, Max: Johann Virdung von Hassfurt, sein Leben und seine astrologischen Flugschriften. In: Zambelli, Paola (Hg.): Astrologi halluzinati - Stars in die End of the World in Luther's Time. Berlin 1986, S. 195

3 - Finsterbusch, Martin: Erfahrungen eines Astrologen in der DDR. In: Meridian 4/1990, Freiburg i.Br. 

4- Howe, Ellic: Uranias Kinder - Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich. Weinheim 1995 

5 - Grafton, Anthony: Cardanos Kosmos. Berlin 1999. Sowie: Nicholas Campion: The Great Year - Astrology, Millenarianism and History in the Western Tradition. London 1994. Sowie: Reisinger , Reiner: Historische Horoskopie - Das iudicum magnum des Johannes Carion für Albrecht Dürers Patenkind. Wiesbaden 1997

6 - Hoppmann, Jürgen (Hg.): Melanchthons Astrologie - Die Sternenwissenschaften in der Zeit von Humanismus und Reformation (Ausstellungskatalog), Lutherstadt Wittenberg 1997. Siehe hierzu auch: Hoppmann, Jürgen: The Lichtenberger Prophecy an Melanchthon's Horoscope for Luther. In: Culture and Cosmos, Vol. 1 No. 2, Bristol 1997. Sowie: Hoppman, Jürgen: Hermes/Merkur. In MERCUR 6/98, München 1998. Sowie: Hoppmann, Jürgen: L'artista come raffigurazione di Dio l'astrologia nella pittura al tempo di Lutero. In: Linguaggio Astrale, No. 110, Turin 1998

7 - Bergengruen, Werner: Am Himmel wie auf Erden, Hamburg 1940 

8 - Alexis, Willibald: Der Wehrwolf - Vaterländischer Roman in drei Büchern. Berlin 1844, Neuauflage Berlin 1925 

9 - Sievert, Hans H. (herausgegeben von Clemens Zerling): Im Zeichen von Kreuz und Rose. Berlin 1996 

10 - Kiesewetter, Karl: Die Geheimwissenschaften Teil 2. Leipzig 1894 

11 - Zimmermann, H.: Lucas Cranach der Ältere und Lucas Cranach der Jüngere, Ausstellungskatalog, Berlin 1937 

12 - Auch der Planet Neptun stand zu jenem Zeitpunkt in den Fischen. Siehe hierzu auch Anm. 13

13 - Strobel, Georg T.: Von Carions Leben und Schriften. In: Miscellaneen literarischen Inhalts, Band 6, Nürnberg 1782

14 - Hoppmann, Jürgen: Astrologie der Reformationszeit. Berlin 1997



Zitate:

Philipp Melanchthon, Mentor des Reformators Martin Luther und zugleich Freund Johann Carions (*1499, also vor 500 Jahren), des ersten Berliner Hofastrologen, übersetzte TETRABIBLOS, das im 2. Jahrhundert n.Chr. von Ptolemaeus herausgebrachte vierbändige Grundlagenwerk der Sternenberechnung und –deutung. In einer Rede Anno 1553 sprach er hierzu:"Das Altertum besaß die Wissenschaft von den Wirkungen der Gestirne, die zweifellos auf das sorgfältigste aus den allerältesten Beobachtungen gewonnen war (...). 

Als jedoch in Ägypten sarazenisches Barbarentum sowohl die Alexandrinische Akademie als auch infolgedessen die Früchte der wissenschaftlichen Bemühungen vernichte, gingen uralte Urkunden und Zeugnisse zugrunde.

Die gesamte Wissenschaft der Astrologie, die damals in den vielfältigsten einzelnen Schriftrollen sich verstreut fand, wäre der Vergessenheit verfallen, wenn nicht kurz vor dem Einbruch der Sarazenen Ptolemaeus diese ganze Wissenschaft in einem Bande zusammengezogen hätte. (...) 

Ich mahne die Pfleger der Weisheit, sowohl dieses Buch des Ptolemaeus zu lesen als auch danach zu trachten, sein Wissen zu erhalten. (..)"



Friedrich Schiller schrieb bei Recherchen für seinen „Wallenstein“ an Johann Wolfgang von Goethe (* 1749, also vor 250 Jahren): "Wie war der Gestirnsglaube des Feldherrn zu verstehen, warum hörte er so stark auf die Ratschläge seines italienischen Astrologen Zenno (=Seni) und die Deutungen Keplers? Die Antwort Goethes aus Weimar lautete: Der astrologische Aberglaube ruht auf dem dunklen Gefühl eines ungeheuren Weltganzen. Die Erfahrung spricht, dass die nächsten Gestirne einen entschiedenen Einfluss auf Witterung, Vegetation etc. haben; man darf nur stufenweise immer aufwärts steigen, und es lässt sich nicht sagen, wo die Wirkung aufhört. 

Findet doch der Astronom überall Störungen eines Gestirns durchs andere. Ist doch der Philosoph geneigt, eine Wirkung auf das Entfernteste anzunehmen. So darf der Mensch im Vorgefühl seiner selbst nur immer etwas weiter schreiten und diese Entwicklung aufs Sittliche, auf Glück und Unglück ausdehnen. Diesen und ähnlichen Wahn möchte ich nicht einmal Aberglauben nennen, er liegt unserer Natur so nahe, ist so leidlich und lässlich als irgendein Glaube."







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