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Melanchthons Astrologie

Der Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reformationsgeschichtlichen Museum Lutherhalle Wittenberg, Drei-Kastanien-Verlag Wittenberg 1997, 126 Seiten, 1997 ISBN 3-9804492-8-9 (vergriffen), Neuauflage 2021 ISBN 978-9403622200 EUR 17,99 E-Book ISBN 978-9403630908 EUR 8,99


Melanchthon und die Sterne

Anlässlich des sich 1997 zum 500. Male jährenden Geburtstages Philipp Melanchthons soll neben den zahlreichen offiziellen Feierlichkeiten und Aktivitäten in Wittenberg im Rahmen einer Sonderausstellung der Versuch gemacht werden, den Blick über Melanchthons theologische und humanistische Verdienste hinweg vor allem auf seine Bedeutung für die damalige Wissenschaft, vornehmlich auf sein starkes Interesse an Astrologie und Astronomie, zu richten. Es steht außer Frage, dass zur Mitte des 16. Jahrhunderts die Kunde der Sterne einen enormen Einfluss auf die Menschen hatte. Astrologische Berechnungen, Ratschläge und Symbole waren allgemein präsent und wirkten sich in allen Bevölkerungsschichten, vom Bauern bis zum König, aus. Vom einfachen Hauskalender bis zu komplexen, mathematischen Berechnungen gab die Astrologie Rat und wirkte tief in das gesellschaftliche, politische und religiöse Leben hinein.
In einer Zeit des Umbruches, in der Melanchthon lebte und wirkte, hatte die Astrologie aber auch eine unsichere Stellung. Im Spannungsverhältnis von Scholastik und Humanismus, Papsttum und Reformation, Religion und Aberglaube musste sie für unterschiedlichste, oft auch unseriöse Interessen herhalten. Von einfacher Volksunterhaltung über propagandistische Hetze bis hin zu gewissenhafter, wissenschaftlicher Arbeit reichte ihr Wirkspektrum, das in zunehmendem Maße Anhänger und Gegner spaltete. Auch Melanchthon vollzog eine diffizile Gratwanderung: Einerseits war er der religiösen Erkenntnis verpflichtet, andererseits - oder gerade deswegen - diente er der Wissenschaft. Mit dem Hintergrund des wiederentdeckten antiken Wissens faszinierte ihn der alte astrologische Mythos, bahnte er zugleich der astronomischen Forschung den Weg.

Die vier Causae

Das Grundmuster der Ausstellung folgt der Lehre der vier Ursachen des Aristoteles, dessen Philosophie auf Melanchthons Denkweise starken Einfluss hatte. Aristoteles entwickelte mit Hilfe der vier Causae in Form eines Kreislaufs das Ursache-Wirkung-Prinzip. Die erste Ursache ist das stofflich Vorhandene, die dritte das hieraus geistig Anmutende, die zweite Ursache ist die kreative-subjektive Gestaltung, die vierte dann das letztendlich über alles Konkrete und Subjektive hinausgehend Erwirkte. Diese Causae korrespondieren mit den vier Quadranten eines Geburtshoroskops. Der erste Quadrant entspricht körperlichen Erscheinungen, materiellen Ressourcen und der Ausdrucksfähigkeit des Individuums. Der zweite Quadrant zeigt das Emotionale, künstlerisch-schöpferische Fähigkeiten und die Aussteuerung gegenüber der Umwelt. Geistige Öffnung gegenüber dem Ich und Bindung an das Du sowie das philosophisch-religiöse Moment finden sich in dritten Viertel des Kreises. Quadrant IV bündelt Folgerungen aus den vorhergehenden Quadranten, ist das Erwirkte und die Bedeutung, weist somit in die Zukunft. In der Ausstellung soll den verschiedenen Causae oder Quadranten inhaltlich und räumlich die divergierenden Aspekte und Persönlichkeiten des Grundthemas zugewiesen werden. Raum I zeigt Sternenglaube und -wissenschaft im 16. Jahrhundert (Melanchthon), Raum II ihre damaligen künstlerischen Ausdrucksformen (Dürer), Raum III die historischen Reibungs- und Berührungspunkte zu Glaube und Religion (Luther). Die verschiedenen Teilbereiche werden durch einen historischen Leitfaden zusammengehalten und führen zu Punkt IV, der als Quintessenz Melanchthons Einfluss und Wirkung auf Astrologen und Astronomen späterer Zeiten darstellt.

Inhaltliche Struktur

Im ersten Abschnitt der Ausstellung soll ein kurzer Abriss über den Stand der Sternenwissenschaft der frühen Neuzeit gegeben werden. Ausgehend von dem neuen, revolutionären Weltbild des Nikolaus Kopernikus, zu dessen heliozentrischer Sichtweise sich u.a. Luther in seinen Tischreden äußert, werden Gemeinsamkeiten und Spannungen zwischen der Astrologie und Astronomie jener Zeit dokumentiert. Melanchthons verfolgte einerseits mit Interesse die neuen astronomischen Entwicklungen, erstellte andererseits aber selbst Horoskope, nach denen er sein Leben ausrichtet und die er mit Astrologen diskutierte.
Im nächsten, dem zweiten Abschnitt wird ein kurzer Überblick über die künstlerische Deutung und Bedeutung der Astrologie im 16. Jahrhundert gegeben. Speziell an Beispielen aus dem Werk Dürers werden verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eines Werkes (astrologisch und/oder christlich) angeboten.
Der dritte Abschnitt lenkt den Blick des Besuchers auf Luthers Stellung zur Astrologie, seinen Standpunkt und seine vielgestaltige Darstellung in diesem Zusammenhang. So erscheint er in der astrologischen Weissagung Lichtenbergers als Mönch mit Teufel, in der religiösen und politischen Propaganda als Antichrist, als ‘neuer’ Christus, oder als Herkules. In diesem Zusammenhang steht auch der Streit über Luthers Geburtszeit und die daraus folgenden verschiedenen zu ihm erstellten Horoskope.
Im vierten Abschnitt wird die Wirkungsgeschichte der astronomisch-astrologischen Ideen Melanchthons dokumentiert, sein Einfluss auf Zeitgenossen und Schüler. Auch nach seinem Tode wurde seine Idee einer an christlicher Moral ausgerichteten Astro- logie und -nomie aufgenommen. Dass es hierbei auch grundsätzlich um den Versuch geht, der sich damals entwickelnden Naturwissenschaft eine ethisch-moralische Orientierung zu geben, macht den Wissenschaftsphilosophen Philipp Melanchthon auch für die heutige Zeit so interessant. Der sich durch die historische Gebäudestruktur des ehemaligen Augustinerklosters anbietende Kryptabereich (über eine Wendeltreppe im hinteren Teil der Kreuzgangs zu erreichen) liegt unter dem ganzen Ausstellungskomplex. Das dort präsentierte Diorama eines alten „heidnischen“, d.h. vorchristlichen Tempels für den Sonnengott Mitras zeigt, eingebettet in eine moderne Installation aus Klangelementen und visuellen Darstellungen, die kulturhistorische Entwicklungsgeschichte.

Weitere Hinweise

Für die fachliche Begleitung des Ausstellungsprojekts danke ich Herrn Dr. Martin Treu, Direktor des Reformationsgeschichtlichen Museums Lutherhalle Wittenberg, sowie Frau Edeltraut Wießner und Frau Karin Lubitzsch. Als Herausgeber des Ausstellungskataloges „Melanchthons Astrologie - Der Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation“ 28 namhafte Historiker, Theologen, Astronomen und Astrologen für wissenschaftliche Beiträge gewinnen. All jenen, die den romanhaften Erzählstil bevorzugen, sei mein Ende 1997 erscheinendes Buch „Astrologie der Reformationszeit“ empfohlen.

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MARTIN TREU Zum Geleit
EDELTRAUD WIEßNER Vorwort

I - Causa Materialis: Die Sternenwissenschaften
WOLF-DIETER MÜLLER-JAHNCKE Magister Philippus und die Astrologie - eine kleine Zitatensammlung
HEINRICH KÜHNE Wittenberg und die Astronomie
EDGAR WUNDER Melanchthons Verhältnis zu Horoskopen - eine Beurteilung aus heutiger wissenschaftlicher Sicht
GÜNTHER OESTMANN Das Astrolabium - ein universelles Mess- und Recheninstrument
RÜDIGER PLANTIKO Die Horoskope Luthers und Melanchthons in der Deutung durch Lucas Gauricus
ARNOLD ZENKERT Die Arachne von Görlitz - Dokument der Astrologie
MANFRED SCHUKOWSKI Astronomische Monumentaluhren in Kirchen - Indikatoren für mittelalterliche Mentalitäten
IRMGARD HÖß Georg Spalatin und die Astrologen
GÜNTHER MAHAL Kannte Melanchthon Faust? Anfragen an eine ungewisse Semantik

II - Causa Formalis: Himmlische Künste
JÜRGEN G. H. HOPPMANN Astrologische Ikonografie in Werken von Botticelli, Dürer, Cranach und Schaffner
BERND A. MERTZ Leonardo da Vincis Abendmahl
KARL RÖTTEL Religionspolitische und astronomische Themen in Hans Holbeins „The Ambassabors"
OTTO KAMMER Eine neue Melanchthonbüste zum Jubiläumsjahr
INGEBORG STEIN Musikalischer Ausdruck kosmologischer Ordnungen im Werk von Heinrich Schütz

III - Causa Efficiens: Horoskopie im Christentum
MARTIN TREU „Heillos und schäbig“ - Martin Luthers Verhältnis zur Astrologie Melanchthons
REINHART STAATS Noch einmal: Luthers Geburtsjahr 1484
PAOLA ZAMBELLI Martin Luther: Der Komet ist des Teufels
FELIX STRAUBINGER Astrologie und Christentum in der Renaissance
KRZYSZTOF POMIAN Astrologie als naturalistische Theologie der Geschichte
GERHARD VOSS Der Niederaltaicher Horoskopstein
CHRISTOPH SCHUBERT-WELLER Gott und die Sterne - zum Verhältnis von Astrologie und Christentum im Wandel der Geschichte
HELMUT HARK Der Traum-Glaube Melanchthons

IV - Causa Finalis: Nachfolger und Wirkungsgeschichte
FRIEDERIKE BOOCKMANN Wittenberger Gelehrte im Leben von Johannes Kepler
REIMER HANSEN Wittenberg, Tycho Brahe und sein astronomisches Weltsystem
WOLFGANG WILDGEN Giordano Bruno in Wittenberg
GABRIELE SPITZER Leonhard Thurneysser zum Thurn - Arzt, Astrologe und Drucker im Berlin des 16. Jahrhunderts
OLIVIA BARCLAY William Lillys Schriften und das Bedürfnis nach traditioneller Astrologie
RALF T. SCHMITT Der Wittenberger Meteoritenforscher Chladni

Anhang
JÜRGEN G. H. HOPPMANN Ausstellungskatalog - Beschreibung der Exponate
Leihgeber
Danksagungen
Sponsoren
Namensregister
Sachregister


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Faltblatt der Ausstellung
MELANCHTHONS ASTROLOGIE


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